Geschrieben von Sebastian Fjeld am 25. Oktober 2024

Hindernisse erkennen: die häufigsten Barrieren im Alltag

Zugänglichkeit
Manche Barrieren sind offensichtlich, etwa eine Treppe ohne Rampe. Andere bemerken die meisten gar nicht – von Websites, die mit Screenreadern nicht funktionieren, bis zu Vorurteilen im Alltag. Dieser Artikel zeigt die häufigsten sichtbaren und unsichtbaren Barrieren und was alle dagegen tun können.

Barrieren sind überall – aber nicht immer sichtbar

Stell dir vor, du musst einen Zug erreichen. Der Bahnhof ist voll, die Durchsage ist kaum zu verstehen, und zum Gleis führt nur eine Treppe. Für viele ist das ein kleines Ärgernis. Für Menschen im Rollstuhl, schwerhörige Menschen oder Eltern mit Kinderwagen kann es bedeuten, dass sie den Zug verpassen.

Solche Situationen betreffen weit mehr Menschen, als viele denken. In Deutschland lebten Ende 2025 gut 7,8 Millionen schwerbehinderte Menschen, das sind 9,4 % der Bevölkerung, wie das Statistische Bundesamt meldet. EU-weit haben laut Eurostat-Zahlen, veröffentlicht vom Rat der EU, rund 90 Millionen Menschen ab 16 Jahren eine Behinderung – etwa jede vierte erwachsene Person. Weltweit sind es laut Weltgesundheitsorganisation rund 1,3 Milliarden Menschen. Dazu kommen viele ältere Menschen und Menschen mit vorübergehenden Einschränkungen, etwa nach einem Beinbruch.

Barrieren abzubauen ist dabei kein Gefallen, sondern eine Frage der Rechte von Menschen mit Behinderungen. Die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) baut auf der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte auf und stellt klar: Menschen mit Behinderungen haben dasselbe Recht auf Teilhabe an der Gesellschaft wie alle anderen. Deutschland hat sie 2009 ratifiziert.

Barrieren haben viele Formen: physisch, digital, kommunikativ und sozial. Manche fallen sofort auf. Viele Hürden sind für Nicht-Betroffene aber unsichtbar und werden erst sichtbar, wenn du den Alltag mit den Augen anderer betrachtest.

Physische Barrieren im Alltag

An physische Barrieren denken die meisten zuerst. Sie sind oft gut zu sehen und trotzdem sehr verbreitet:

  • Treppen ohne Rampe oder Aufzug: Für Menschen im Rollstuhl oder mit Gehbehinderung kann schon eine einzige Stufe unüberwindbar sein. Fehlende Aufzüge treffen auch ältere Menschen und Eltern mit Kinderwagen.

  • Nicht barrierefreier öffentlicher Nahverkehr: Busse ohne Niederflureinstieg, ein Spalt zwischen Zug und Bahnsteig oder defekte Aufzüge an Bahnhöfen machen inklusives Reisen für viele Menschen unmöglich.

  • Schmale Türen und Durchgänge: Zu schmale oder schwere Türen sind ein Hindernis für Menschen mit Rollstuhl, Rollator oder Krücken.

  • Unebene Böden und Oberflächen: Kopfsteinpflaster, Schlaglöcher oder plötzliche Höhenunterschiede, wie sie draußen und in älteren Gebäuden häufig vorkommen, sind ein Risiko für Menschen mit eingeschränkter Mobilität. Anderen fallen sie kaum auf.

  • Zugestellte oder fehlende Leitstreifen: Taktile Bodenleitsysteme führen blinde und sehbehinderte Menschen durch Bahnhöfe und Straßen. Stehen Fahrräder, E-Scooter oder Werbeaufsteller darauf, werden sie nutzlos.

  • Fehlende taktile und akustische Signale: Ampeln ohne Zusatzeinrichtung, also ohne akustisches Signal oder tastbare Markierungen, machen es blinden Menschen schwer, sicher über die Straße zu kommen.

  • Fehlende kontrastreiche Markierungen: Stufenvorderkanten ohne Markierung oder Glastüren ohne Sichtstreifen sind für seheingeschränkte Menschen eine echte Sturz- und Verletzungsgefahr.

  • Reizüberflutung: Laute Musik, grelles Licht, Gedränge und Hektik, etwa in Supermärkten oder an Bahnhöfen, bedeuten für viele Menschen enormen Stress. Betroffen sind zum Beispiel neurodivergente Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung oder ADHS, hochsensible Menschen und Menschen mit Angststörungen. Ruhige Einkaufsstunden in Supermärkten oder reizarme Zeiten bei Kulturveranstaltungen zeigen, wie einfach Abhilfe sein kann.

Digitale Barrieren im Alltag

Einkaufen, Bankgeschäfte, Arzttermine, Bewerbungen: Immer mehr Alltag findet online statt. Digitale Barrieren wiegen deshalb genauso schwer wie physische. Sie sind aber oft schwerer zu erkennen, weil sie erst auffallen, wenn jemand eine Website anders nutzt.

Wie verbreitet sie sind, zeigt ein Test der Aktion Mensch vom Juni 2025. Nur 20 der 65 meistbesuchten Onlineshops in Deutschland ließen sich vollständig per Tastatur bedienen. Fehlender Tastaturfokus, zu geringe Kontraste und Cookie-Banner, die sich nicht schließen lassen, gehörten zu den häufigsten Problemen.

In unseren Barrierefreiheitsprüfungen bei Eye-Able begegnen uns dieselben Barrieren immer wieder:

  • Fehlende Unterstützung für assistive Technologien: Viele Menschen bewegen sich mit Screenreadern, Sprachsteuerung oder Bildschirmlupen im Netz. Buttons ohne Beschriftung, Überschriften, die nur optisch fett sind, und Bilder ohne Alternativtext lassen blinde Nutzende im Unklaren. Wie du Bilder richtig beschreibst, zeigt unser Artikel zu Alternativtexten.

  • Bedienung nur mit der Maus: Menüs, Slider oder Cookie-Banner, die sich nicht per Tastatur bedienen lassen, schließen Menschen mit motorischen Einschränkungen und Screenreader-Nutzende aus.

  • Zu geringer Kontrast: Hellgrauer Text auf weißem Hintergrund ist für Menschen mit Sehbehinderung schwer lesbar – und für alle, die bei Sonnenlicht aufs Smartphone schauen.

  • Nicht barrierefreie Formulare: Fehlende Labels, vage Fehlermeldungen und komplizierte CAPTCHAs stoppen viele Menschen beim letzten Schritt. Wie es besser geht, erklärt unser Leitfaden zu barrierefreien Formularen.

  • Videos ohne Untertitel: Gehörlosen und schwerhörigen Menschen entgehen Inhalte, wenn Untertitel oder Transkripte fehlen.

  • Blinkende und bewegte Inhalte: Flackernde Animationen können bei Menschen mit Epilepsie Anfälle auslösen. Automatisch startende Videos und Laufbänder lenken Menschen mit ADHS ab oder überfordern sie. Bewegte Inhalte sollten sich deshalb immer anhalten lassen.

  • Komplizierte Navigation und schwere Sprache: Unübersichtliche Menüs und lange, verschachtelte Sätze erschweren Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen die Suche nach Informationen – und allen anderen auch.

Der Gesetzgeber hat das Problem erkannt. Seit dem 28.06.2025 verpflichtet der European Accessibility Act viele digitale Produkte und Dienstleistungen in der EU zur Barrierefreiheit, etwa Onlineshops und Bankdienstleistungen. In Deutschland setzt das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) die Richtlinie um. Technische Grundlage sind die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG).

Kommunikative Barrieren

Informationen nützen nur, wenn Menschen sie verstehen. Kommunikative Barrieren entstehen, wenn Informationen nur in einer Form angeboten werden:

  • Keine Gebärdensprache und keine Untertitel: Für viele gehörlose Menschen ist Gebärdensprache die Erstsprache. Ohne Dolmetschende oder Untertitel bleiben Veranstaltungen, Termine und Videos unzugänglich.

  • Schwere Sprache: Behördenbriefe, Verträge oder Anleitungen in komplizierter Sprache schließen Menschen mit Lernschwierigkeiten, mit kognitiven Beeinträchtigungen und Menschen mit anderer Muttersprache aus. Einfache und Leichte Sprache helfen allen.

  • Durchsagen nur akustisch oder nur auf Bildschirmen: Informationen an Bahnhöfen oder Flughäfen sollten immer sowohl sichtbar als auch hörbar sein.

  • Nicht barrierefreie Wahlinformationen: Wählen ist die grundlegendste Form politischer Teilhabe. Doch selbst wenn das Wahllokal stufenlos erreichbar ist, gibt es Informationen zu Kandidierenden, Wahlprogrammen oder zum Wahllokal selbst oft nicht in Brailleschrift, als Audio oder in Leichter Sprache.

Barrieren im Gesundheitswesen und bei Behörden

Gerade dort, wo Menschen auf Unterstützung angewiesen sind, stoßen sie oft auf besonders viele Hürden. Solche Versorgungs- und Zugangsbarrieren sind für Nicht-Betroffene meist unsichtbar:

  • Arztpraxen und Kliniken: Stufen am Eingang, enge Behandlungsräume oder Untersuchungsliegen, die sich nicht in der Höhe verstellen lassen, erschweren die Gesundheitsversorgung für Menschen mit eingeschränkter Mobilität.

  • Termine nur per Telefon: Wer gehörlos oder schwerhörig ist, kann einen Termin nicht vereinbaren, wenn es keinen anderen Weg gibt.

  • Digitale Versorgung und Verwaltung: Online-Terminbuchungen, Patientenportale und digitale Behördenformulare sparen vielen Menschen Wege. Sind sie nicht barrierefrei, schließen sie genau die Menschen aus, die davon am meisten profitieren würden.

  • Bescheide in schwerer Sprache: Schreiben von Behörden und Krankenkassen sind oft so kompliziert formuliert, dass Betroffene sie ohne Hilfe nicht verstehen.

Soziale Barrieren

Einige der hartnäckigsten Barrieren sind gar nicht zu sehen, weil sie in den Köpfen stecken:

  • Vorurteile und Stigmatisierung: Annahmen darüber, was Menschen mit Behinderung können oder nicht können, schränken ihre Chancen in Schule, Beruf und Alltag ein. Diskriminierende Sprache wie „leidet an einer Behinderung“ oder „an den Rollstuhl gefesselt“ verstärkt solche Annahmen. Diese Abwertung von Menschen aufgrund ihrer Fähigkeiten wird als Ableismus bezeichnet.

  • Unsichtbare Behinderungen: Psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen, chronische Schmerzen, Autoimmunerkrankungen, Epilepsie oder Neurodivergenz sieht man nicht. Betroffene müssen sich oft rechtfertigen oder werden nicht ernst genommen, wenn sie um Unterstützung bitten.

  • Fehlendes Bewusstsein: Viele Barrieren gibt es nur, weil niemand an sie gedacht hat. Ein Café, das einen Assistenzhund abweist oder zusätzliche Reinigungsgebühren verlangt, ist ein typisches Beispiel.

  • Benachteiligung im Beruf: Nicht barrierefreie Bewerbungsverfahren oder fehlende angemessene Vorkehrungen halten qualifizierte Menschen von Jobs fern.

Aufklärung, Begegnung und Empathie sind die wirksamsten Mittel gegen soziale Barrieren. Aktionstage wie der Europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung am 5. Mai oder der Internationale Tag der Menschen mit Behinderungen am 3. Dezember und Aufklärungskampagnen helfen, die öffentliche Wahrnehmung Schritt für Schritt zu verändern.

Wer davon profitiert, wenn Barrieren verschwinden

Barrieren abzubauen hilft nicht nur Menschen mit Behinderungen. Rampen helfen Eltern mit Kinderwagen und Reisenden mit Koffern. Untertitel helfen allen, die im Zug ohne Kopfhörer ein Video schauen. Klare Sprache und gute Kontraste machen Websites für alle leichter nutzbar. Barrierefreiheit ist keine Sonderlösung für wenige – sie verbessert die Lebensqualität aller.

Barrieren gemeinsam abbauen

Inklusion ist eine Gemeinschaftsaufgabe, und alle können helfen, Barrieren abzubauen. Halte Leitstreifen und Eingänge im öffentlichen Raum frei, biete Hilfe an, ohne sie aufzudrängen, und frag, was jemand wirklich braucht. Wenn du Inhalte erstellst, denk von Anfang an an Untertitel, Alternativtexte und verständliche Sprache.

Bei Eye-Able beschäftigen wir uns jeden Tag mit digitaler Barrierefreiheit. Unser Wissen teilen wir in diesem Blog und in unseren Webinaren, und unser Web Accessibility Index zeigt, wie barrierefrei die meistbesuchten Websites der Welt sind. Denn je mehr Menschen Barrieren erkennen, desto schneller verschwinden sie.

Wie barrierefrei ist deine eigene Website? Unser kostenloser Barrierefreiheitscheck gibt dir in weniger als 2 Minuten einen ersten Überblick.

FAQ: Barrieren im Alltag

Was sind Barrieren im Alltag?

Barrieren sind Hindernisse, die Menschen daran hindern, gleichberechtigt am Alltag teilzunehmen. Sie können physisch sein wie Treppen, digital wie Websites, die mit Screenreadern nicht funktionieren, kommunikativ wie fehlende Untertitel oder sozial wie Vorurteile.

Was sind unsichtbare Barrieren?

Unsichtbare Barrieren sind Hindernisse, die die meisten Menschen nicht bemerken. Beispiele sind schwere Sprache, Reizüberflutung in lauten Umgebungen, fehlendes Verständnis für psychische Erkrankungen, Websites, die sich nicht per Tastatur bedienen lassen, und Vorurteile gegenüber Menschen mit Behinderungen.

Was ist Ableismus?

Ableismus bezeichnet die Abwertung oder Benachteiligung von Menschen aufgrund ihrer körperlichen, geistigen oder psychischen Fähigkeiten. Er zeigt sich in Vorurteilen, diskriminierender Sprache und in Strukturen, die Menschen mit Behinderungen ausschließen.

Was sind die häufigsten digitalen Barrieren?

Zu den häufigsten digitalen Barrieren zählen fehlende Alternativtexte für Bilder, zu geringe Kontraste, Websites, die sich nicht ohne Maus bedienen lassen, Formulare ohne Beschriftung und Videos ohne Untertitel. Viele davon lassen sich mit wenig Aufwand beheben.

Wer ist von Barrieren betroffen?

Am stärksten betroffen sind Menschen mit Behinderungen – in Deutschland leben gut 7,8 Millionen schwerbehinderte Menschen. Barrieren treffen aber auch ältere Menschen, Menschen mit vorübergehenden Einschränkungen, Eltern mit Kinderwagen und alle in schwierigen Situationen, etwa bei grellem Sonnenlicht oder in lauter Umgebung.

Müssen Unternehmen digitale Barrieren abbauen?

In vielen Fällen ja. Seit dem 28.06.2025 gilt in Deutschland das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG). Es verpflichtet viele digitale Produkte und Dienstleistungen zur Barrierefreiheit, darunter Onlineshops und Bankdienstleistungen. Für Websites öffentlicher Stellen gilt bereits seit Jahren die BITV 2.0.

Was kann ich tun, um Barrieren abzubauen?

Halte Wege und Leitstreifen frei, frag Menschen, welche Unterstützung sie brauchen, und nutze verständliche Sprache. Wenn du Inhalte online veröffentlichst, ergänze Alternativtexte für Bilder und Untertitel für Videos und achte darauf, dass deine Website per Tastatur bedienbar ist.

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